Die diplomatische Fata Morgana hat sich innerhalb weniger Stunden verflüchtigt. Während die Investoren gestern noch auf eine rasche Normalisierung des Schiffsverkehrs setzten, bricht die brutale Rückkehr der militärischen und geopolitischen Realität im Nahen Osten die Korrekturdynamik und treibt die Kurse an diesem Donnerstag, dem 28. Mai, nach oben.
Die Fragilität der Gespräche in Doha trat heute Nacht offen zutage. Die USA flogen neue gezielte Luftangriffe im Nahen Osten, um iranische Drohnen abzufangen, die auf ein Handelsschiff abgefeuert worden waren. Parallel dazu verhängte das US-Finanzministerium schwere Sanktionen gegen die „Persian Gulf Strait Authority“ – jene iranische Behörde, der vorgeworfen wird, Handelsschiffe zu erpressen. Washington lehnt Pläne für eine gemeinsame Kontrolle der Meerenge durch Teheran und den Oman kategorisch ab. Donald Trump betonte nachdrücklich, dass die Straße von Hormus eine internationale Wasserstraße bleibt und er keinem „schlechten Deal“ zustimmen wird, der eine vorzeitige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen vorsieht. Zudem kündigte Kuwait an, Drohnenbedrohungen in seinem Luftraum künftig militärisch zu beantworten, was die Sorgen vor einem regionalen Flächenbrand neu entfacht.
Die mit einem Tag Verspätung veröffentlichten wöchentlichen Schätzungen des American Petroleum Institute (API) verstärken diesen Aufwärtstrend der Kurse. Der Verband meldete einen erneuten Rückgang der Rohölbestände um -2,8 Millionen Barrel sowie ein Sinken der Benzinreserven um -3,2 Millionen Barrel. Obwohl der Rückgang beim Rohöl geringer ausfiel als erwartet (-4 Millionen prognostiziert) und bei den Destillaten ein leichter Aufbau verzeichnet wurde (+1,1 Millionen), erinnert dieser Bericht daran, dass das physische Angebot infolge der Hormus-Blockade, die eine Neuordnung der globalen Warenströme erzwingt, extrem angespannt bleibt.
Der kurzfristige Trend kippt von neutral auf bullish (aufwärtsgerichtet). Der Optimismus bezüglich eines Waffenstillstands ist angesichts der harten Rhetorik Trumps verflogen. Die Sorgen über den raschen Abbau der weltweiten Reserven rücken wieder in den Fokus der Investoren, da eine stabile diplomatische Lösung in weiter Ferne scheint.
Der gestern Nachmittag verzeichnete Preisrückgang ist bereits wieder Geschichte. Bei den Heizölpreisen zeichnet sich eine analoge Aufwärtstendenz ab.

