Während das diplomatische Patt zwischen Washington und Teheran andauert, verlagert sich die Aufmerksamkeit der Investoren schlagartig auf den kritischen Zustand der weltweiten Reserven. Dies schürt kurz vor dem Sommer neue Ängste vor einem bevorstehenden Ölschock.
Die Lage bei den physischen Reserven wird durch die blockierten Exporte im Nahen Osten zunehmend unhaltbar. Auf einer internationalen Konferenz in London warnte Toril Bosoni, Leiterin der Abteilung für Ölindustrie und Marktanalyse bei der Internationalen Energieagentur (IEA), dass die weltweiten Bestände kurz vor dem sommerlichen Nachfragehöhepunkt auf historisch niedrige Niveaus fallen könnten. Die IEA schließt eine weitere koordinierte Freigabe ihrer strategischen Reserven zum jetzigen Zeitpunkt aus. Sie erinnerte daran, dass etwa die Hälfte der im März zugesagten 400 Millionen Barrel noch gar nicht auf den Markt gelangt sei und es sich bei Notfallfreigaben ohnehin nur um temporäre Überbrückungsmaßnahmen handle.
Philippe Khoury, Vertriebschef der staatlichen Ölgesellschaft von Abu Dhabi (ADNOC), goss zusätzlich Öl ins Feuer und prognostizierte den logistischen Wendepunkt für den Monat August. Sollte China die aktuelle Erholung seiner Nachfrage – insbesondere durch unabhängige Raffinerien, bestätigen, droht dem Markt ein massiver Preissprung. Zumal die beiden Experten betonten, dass die vollständige Wiederöffnung und Sicherung der Straße von Hormus selbst nach der Unterzeichnung eines hypothetischen Abkommens zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern dürfte.
Die weltweiten Aktienmärkte zeigen sich unterdessen widerstandsfähig, angetrieben von der Euphorie im Technologiesektor (das KI-Unternehmen Anthropic bereitet einen historischen Börsengang vor, der es zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt machen könnte). Dennoch bleibt die Nervosität angesichts widersprüchlicher politischer Signale greifbar. Teheran erklärte, die Verhandlungen einzufrieren, solange Israel seine Offensive im Libanon fortsetzt, während Donald Trump im Gegenzug versicherte, dass die Gespräche mit hohem Tempo voranschreiten.
Der mittelfristige fundamentale Trend festigt sich als neutral bis aufwärtsgerichtet. Dem Markt wird zunehmend bewusst, dass eine politische Einigung die physische Versorgungskrise nicht sofort lösen wird. Selbst im Falle eines Waffenstillstands wird das kumulierte Angebotsdefizit die weltweiten Lagerbestände über Monate hinweg leeren, was eine hohe technische Preisuntergrenze etabliert und Notierungen unter der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel unwahrscheinlich macht.
Die relative Stabilität der Kurse in London, kombiniert mit unveränderten Frachtraten auf dem Rhein (die jüngsten Niederschläge lassen die Pegelstände zwar steigen, haben aber noch keine Auswirkungen auf die Tarife), sorgt für einen Übergangstag. Die inländischen Heizölpreise weisen eine hohe Volatilität und eine leicht aufwärtsgerichtete Tendenz auf.

